...verstehen statt bestrafen
Kaum ein Thema beschäftigt Schulen, Jugendhilfe und Familien derzeit so sehr wie der zunehmende Schulabsentismus. Immer häufiger fehlen Kinder und Jugendliche regelmäßig im Unterricht, kommen zu spät oder bleiben der Schule über längere Zeit vollständig fern. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Psychische Belastungen, Ängste, familiäre Konflikte, Mobbing, schulische Überforderung, fehlende Erfolgserlebnisse oder belastende Lebenssituationen können ebenso eine Rolle spielen wie soziale Benachteiligung oder eine mangelnde Bindung an die Schule.
Dennoch wird Schulabsentismus in der öffentlichen Diskussion häufig auf mangelnde Motivation, fehlende Erziehung oder fehlende Konsequenz reduziert. Entsprechend schnell werden Forderungen nach strengeren Sanktionen laut – von Bußgeldern über Zwangsmaßnahmen bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen für Eltern. Der Gedanke dahinter erscheint zunächst nachvollziehbar: Wer seiner Schulpflicht nicht nachkommt, muss die Folgen spüren.
Die wissenschaftliche Forschung zeichnet jedoch ein deutlich differenzierteres Bild.
Schulabsentismus ist in den seltensten Fällen das eigentliche Problem. Viel häufiger ist er Ausdruck eines bereits bestehenden Problems. Er ist ein Symptom dafür, dass Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in der Lage sind, regelmäßig am Unterricht teilzunehmen. Wer ausschließlich das Fernbleiben sanktioniert, behandelt deshalb häufig die sichtbare Folge – nicht jedoch deren Ursache.
Aus Sicht der Sozialen Arbeit stellt sich daher zunächst eine andere Frage: Welche Funktion erfüllt das Fernbleiben für den jungen Menschen? Manchmal schützt der Schulabsentismus vor massiven Versagensängsten. Manchmal ist er eine Reaktion auf Mobbing oder Ausgrenzung. In anderen Fällen steht eine psychische Erkrankung, eine familiäre Überforderung oder eine belastende Lebenssituation dahinter. Das Fernbleiben wird dann zu einer Bewältigungsstrategie – auch wenn sie langfristig neue Probleme erzeugt.
Genau deshalb zeigen zahlreiche Studien, dass reine Strafmaßnahmen häufig nicht den gewünschten Erfolg erzielen. Im Gegenteil: Sie können Schuldgefühle verstärken, den Druck auf Familien erhöhen und das Vertrauen zwischen Schule, Elternhaus und Jugendlichen weiter beschädigen. Gerade junge Menschen, die ohnehin bereits Erfahrungen von Ausgrenzung, Misserfolg oder Hilflosigkeit gemacht haben, erleben Sanktionen häufig als weitere Bestätigung ihres Scheiterns. Der Rückzug aus der Schule kann sich dadurch sogar verstärken.
Erfolgreiche Prävention und Intervention setzen deshalb deutlich früher an. Entscheidend sind stabile Beziehungen, eine wertschätzende Haltung und eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und Familie. Kinder und Jugendliche müssen erleben, dass Erwachsene nicht ausschließlich kontrollieren, sondern verstehen wollen. Erst wenn die eigentlichen Ursachen sichtbar werden, können passgenaue Unterstützungsangebote entwickelt werden.
Dabei bedeutet Verständnis keineswegs, Fehlzeiten zu akzeptieren oder die Schulpflicht infrage zu stellen. Bildung bleibt ein zentrales Recht und zugleich eine gesellschaftliche Verpflichtung. Die entscheidende Frage lautet jedoch, auf welchem Weg dieses Ziel erreicht werden kann. Die Forschung zeigt, dass nachhaltige Veränderungen vor allem dort entstehen, wo Beziehung vor Sanktion steht, wo Ressourcen statt Defizite in den Blick genommen werden und wo junge Menschen schrittweise wieder Selbstwirksamkeit erleben können.
Für die Soziale Arbeit ist dies keine neue Erkenntnis. Seit jeher versteht sie auffälliges Verhalten als Ergebnis individueller Lebenslagen und sozialer Bedingungen. Schulabsentismus bildet dabei keine Ausnahme. Wer ihn ausschließlich als Regelverstoß betrachtet, übersieht den Menschen hinter dem Verhalten. Wer hingegen bereit ist, die Ursachen zu verstehen, eröffnet die Chance auf echte Veränderung.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Nicht die Frage „Wie bestrafen wir Schulabsentismus?“ bringt junge Menschen zurück in die Schule – sondern die Frage „Was hindert sie daran, heute dort zu sein?“